Presseinformation: Die verborgene Vielfalt von Algen auf Ackerflächen
Nr. 65 - 18.05.2026
Forschungsteam analysiert Vorkommen von Bodenalgen auf Weizenfeldern in Deutschland
(pug) Intensive Landwirtschaft stellt eine erhebliche Bedrohung für die globale Artenvielfalt dar. Ein Aspekt der Artenvielfalt auf Ackerflächen ist jedoch bislang kaum erforscht: Algen. Die meisten Menschen kennen Algen aus Bächen, Seen oder dem Meer, aber Algen haben sich auch den trockeneren, raueren Bedingungen an Land angepasst. Tatsächlich wird angenommen, dass Bodenalgen für etwa sechs Prozent der Vegetationsproduktion auf der Erde verantwortlich sind. Dies hat ein Forschungsteam der Universitäten Göttingen und Kassel veranlasst, die Algen in den Oberböden von Ackerland zu untersuchen. Ihre Pilotstudie deckte mehr als 100 verschiedene Algen auf, die wahrscheinlich aus Hunderten einzelner Arten bestehen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Mikroben zeigten diese Algen saisonale Schwankungen in ihren Gemeinschaften. Dies sind die ersten Schritte zum Verständnis der Faktoren, die die Vielfalt dieser wichtigen Mikroorganismen bestimmen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Frontiers in Microbiology veröffentlicht.
Das Team untersuchte Böden von Weizenfeldern, die von der nahegelegenen Universität Kassel bewirtschaftet werden. Die Proben wurden im Frühjahr, Sommer und Herbst aus der obersten Bodenschicht der Felder entnommen und repräsentieren so die unterschiedlichen Bedingungen auf den Weizenfeldern im Laufe des Jahres. Molekulare Methoden – wie beispielsweise DNA-Metabarcoding – ermöglichten die gleichzeitige Analyse zahlreicher Proben und die Identifizierung der großen Vielfalt an Bodenalgen mit höherer Präzision als in früheren Studien.
Die Forschenden entdeckten unerwartet starke saisonale Schwankungen. Eine Gruppe von Algen, die als Gelbgrünalgen (Xanthophyceae) bekannt ist, war am häufigsten anzutreffen, wenn es kälter war, also im Frühjahr und Herbst; während Blaualgen (Cyanobakterien) und Grünalgen kurz vor der Ernte im Sommer vorherrschten. Cyanobakterien werden in Asien häufig bereits als natürlicher Dünger auf Reisfeldern eingesetzt. Das Team zeigte, dass viele dieser Organismen auch auf den Feldern Mitteleuropas reichlich vorkommen könnten. Darüber hinaus identifizierten die Forschenden eine große Vielfalt an Grünalgen sowie Diatomeen – eine häufige Art einzelliger Algen, die vor allem aus Meeres- oder Süßwasserlebensräumen bekannt ist.
„Diese Organismen sind für das Bodenmikrobiom von entscheidender Bedeutung – Bodengesundheit und -fruchtbarkeit könnten von ihnen abhängen“, erläutert Prof. Dr. Thomas Friedl von der Universität Göttingen. Obwohl das Mikrobiom von Ackerflächen in den vergangenen Jahren zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt ist, konzentrieren sich die meisten Studien auf Bakterien und Pilze und nicht auf Bodenalgen. „Bodenalgen produzieren eine Vielzahl von Substanzen und haben viele wertvolle Auswirkungen, beispielsweise auf die Bodenbeschaffenheit und -fruchtbarkeit“, ergänzt Friedl. „Sie können andere Organismen stimulieren, den Nährstoffkreislauf verbessern und die lokale Wasserverfügbarkeit und -qualität positiv beeinflussen. Ihre Zellwände können als Speicher fungieren, indem sie essentielle Nährstoffe aufnehmen und so die Fähigkeit des Bodens verbessern, diese Substanzen zu binden.“
„Bislang war weder Forschenden noch Landwirten bewusst, wie sich die Bewirtschaftung auf die Algen in ihren Feldern auswirkt, und es bleiben viele Fragen offen,“ sagt Prof. Dr. Miriam Athmann von der Universität Kassel. So fand die Forschung beispielsweise eine enorme Vielfalt an Algen sowohl in biologisch als auch in konventionell bewirtschafteten Feldern, allerdings mit deutlichen Unterschieden in der Artenzusammensetzung. Wie sich die Bewirtschaftung auf Bodenalgen auswirkt, ist eine der Fragen, die in Folgeuntersuchungen mit über 300 Proben aus Langzeitfeldversuchen geklärt werden sollen, was eine fundierte wissenschaftliche Bewertung ermöglicht. „Zukünftige Studien werden Erkenntnisse darüber liefern, wie Landwirte die Algenvielfalt schützen und möglicherweise sogar von deren Vorteilen für das Pflanzenwachstum profitieren können,“ fügt Athmann hinzu.
Originalveröffentlichung: Barthel S et al. Soil algae in arable land: changes in the genotypic community composition across time points and farming systems – a pilot study. Frontiers in Microbiology 2026. DOI: 10.3389/fmicb.2026.1813833
Kontakt:
Prof. Dr. Thomas Friedl
Georg-August-Universität Göttingen
Abteilung Experimentelle Phykologie und Sammlung von Algenkulturen
E-Mail: tfriedl@uni-goettingen.de
www.uni-goettingen.de/de/544604.html
Prof. Dr. Miriam Athmann
Universität Kassel
Ökologischer Land- und Pflanzenbau
E-Mail: m.athmann@uni-kassel.de